Vor kurzem war ich zu Gast in Folge 127 des Elektroautomobil-Podcasts. Thema: Preis-Chaos an der Ladesäule. Warum schwanken die Preise beim öffentlichen Laden so stark – und warum ist es für Fahrende so schwer, den Überblick zu behalten? Ich habe die wichtigsten Punkte aus dem Gespräch mit Marcus Zacher hier aufgeschrieben.
Der aktuelle „Normalzustand"
Öffentliches Laden ohne spezielles Abo pendelt sich aktuell bei rund 50 bis 60 ct/kWh ein. An einer typischen Schnellladesäule bedeutet das bei einer 60‑kWh‑Batterie rund 30 bis 36 € für eine Ladung von 10 auf 80 %. Das ist nicht günstig, aber okay – solange man auch wirklich diesen Preis zahlt.
Das Problem: Viele Fahrende zahlen nicht diesen Preis. Sondern deutlich mehr. Oder deutlich weniger. Ohne es im Vorfeld zu wissen.
Wo die Preise explodieren
Immer wieder erreichen uns Rückmeldungen aus der Community mit 85 ct/kWh, 95 ct/kWh oder sogar über einem Euro pro Kilowattstunde. Das kann das Laden schnell verdoppeln. Drei Hauptursachen:
- Ad‑hoc ohne passende Karte: Wer spontan ohne Vertrag oder passende Ladekarte an eine beliebige Säule fährt, zahlt oft den Premium‑Tarif. Das ist kein Unfall, sondern der Standard, wenn keine andere Beziehung zum Betreiber besteht.
- Roaming über die „falsche" Karte: Das europäische Ladenetz funktioniert über Roaming. Ein CPO (Charge Point Operator) betreibt die Säule, ein eMSP (e‑Mobility Service Provider) verkauft die Karte oder App. Jede Partei hat eine Marge – und die addiert sich. An derselben Säule kann Karte A 59 ct kosten und Karte B 95 ct. Gleicher Strom, gleiche Säule, fast doppelter Preis.
- Premium‑Lagen: Autobahnraststätten, Innenstadt‑Hubs oder Flughäfen haben häufig höhere Tarife. Die Gründe sind meist struktureller Natur: Pacht, Rückvergütung an den Standortbetreiber, Hochpreis‑Mikrostandort. Das ist nicht automatisch Wucher – aber man sollte es als Fahrender kennen.
Und die fairen Preise?
Die gibt es ebenfalls – und zwar mehr, als viele denken:
- Aral pulse zeigt regelmäßig Tarife um 51–61 ct/kWh, je nach Ladeleistung.
- EnBW mobility+ bietet Vertragskunden Tarife unter 60 ct – mit Abo sogar 39 ct/kWh an eigenen Schnellladern.
- Ionity Passport Power kommt auf 39 ct/kWh an eigenen Säulen, wenn man regelmäßig Langstrecke fährt.
- Lokale Stadtwerke bieten in manchen Regionen 29–39 ct/kWh – vor allem an langsameren AC‑Säulen, aber manchmal auch an DC.
Das Problem ist also nicht, dass es keine fairen Preise gäbe. Das Problem ist, dass sie nirgendwo vollständig nebeneinander stehen – für die konkrete Säule, vor dem Ladevorgang.
Warum ist das Ganze so intransparent?
Dafür gibt es drei strukturelle Gründe:
- CPO ≠ eMSP: Auf dem Terminal an der Säule steht ein Ad‑hoc‑Preis des Betreibers. Abgerechnet wird aber das, was dein Anbieter mit dem Betreiber vereinbart hat. Das kann ein anderer Preis sein. Selten gleich.
- AFIR im Umbau: Die EU‑Verordnung AFIR (Alternative Fuels Infrastructure Regulation) schreibt Preistransparenz an Schnellladesäulen vor. Das wird langsam besser – es gibt immer mehr Terminals mit klarer Preisanzeige. Flächendeckend ist das aber noch nicht.
- Keine Weitergabepflicht an Apps: Bis heute gibt es keine gesetzliche Pflicht für Ladesäulenbetreiber, ihre Tarife auch an Drittanbieter‑Apps weiterzugeben. Preistransparenz in unserem Tool ist eine Mischung aus Kooperation, API‑Integrationen und Fleißarbeit.
Wie bringt man als Fahrender Ordnung ins Chaos?
Aus unserer Erfahrung reichen drei Hebel, um die meisten Preisüberraschungen zu vermeiden:
- Alle Tarife nebeneinander sehen. Ad‑hoc‑Preis, eigene Ladekarten und – falls du sie nutzt – ChargingTimePay in einer Ansicht. Nur wer vergleichen kann, entscheidet fundiert. Das ist der Kern unserer Preisvergleichs‑Funktion.
- Vor Fahrtantritt filtern – nicht erst an der Säule. Wenn du deine Ladekarten in ChargingTime hinterlegst und im Betreiberfilter die passenden Anbieter auswählst, bekommst du entlang deiner Route nur noch Säulen angezeigt, an denen du fair lädst.
- Bei spontanen Stopps den Umkreismodus nutzen. Wer unterwegs am Zielort laden will, sieht im Umkreis‑Preisvergleich direkt, welche Säule in der Nähe am günstigsten ist. Oft liegen 30 Cent pro kWh zwischen der teuersten und der günstigsten Säule im gleichen Stadtteil.
„Preistransparenz ist bei uns kein Marketing‑Spruch, sondern Betriebsprinzip. Wenn eine andere Karte an einer Säule günstiger ist als unsere, zeigen wir das. Nur so macht Preistransparenz Sinn."
Jonas Sulzer, Co‑Founder der On Your Route GmbH
Was sich regulatorisch tut
AFIR ist ein guter erster Schritt. Preise an der Säule sichtbar machen, klare Einheiten (€/kWh statt €/Minute, wo es geht), Kartenzahlung ab einer bestimmten Ladeleistung – das sind alles richtige Hebel. Was noch fehlt: eine verpflichtende Öffnung der Preisdaten, damit Apps und Flotten‑Tools flächendeckend vergleichen können. Ohne diese Öffnung bleibt Preistransparenz Stückwerk, weil jede App mit jedem Betreiber einzeln verhandeln muss.
Fazit aus der Podcast‑Folge
Das Preis‑Chaos an der Ladesäule hat strukturelle Gründe – es wird sich nicht über Nacht auflösen. Regulatorisch hilft AFIR, technisch hilft bessere Dateninfrastruktur, wirtschaftlich hilft mehr Wettbewerb zwischen den Anbietern. Bis alles zusammenwirkt, macht eine App mit ehrlicher Preisübersicht den Unterschied zwischen „zahl ich halt" und „spar ich mir".
Die komplette Folge 127 des Elektroautomobil‑Podcasts – inklusive aller Details, die hier nicht hineingepasst haben – findest du direkt auf elektroautomobil.com. Danke an Marcus Zacher für das Gespräch.
